Die Tränen laufen

Natürlich ist alles in Ordnung, ich gehe meinem Tagwerk nach, in den eigenen vier Wänden, nur wenig lasse ich mich ausserhalb von Wohnzimmer oder Büro blicken. Ich halte mich und meine Familie gesund, meide den Kontakt, bleibe wo ich bin. Nur das Laufen im Wald hinter dem Haus ist mir als aussen geblieben. Viermal, vielleicht fünfmal in der Woche renne ich mir dort das Blei von der Seele. Zehn, manchmal zwanzig Kilometer lang. Den bewaldeten Berg hinter dem Haus hinauf und entlang, kehre dann oben mit einem kurzen Blick auf das, was auch mein Land sein kann, um und setze schnell einen Fuss vor den anderen, gewinne an Tempo, merke wie ich Geschwindkeit aufnahme und meinen Atem angleiche. Schneller.

Dann kommen sie. Tränen geraten mir in die Augen und suchen sich ihren Weg weg. Sie sind noch eine Weile ein Teil von mir, dann treten sie über die Wange von mir weg und flüchten vor mir. Sie verlassen mich mit der Zeit, die sie eingeschlossen behalten und lassen sich nicht mehr finden.

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Es ist nicht so, dass ich weinte, es sind nur Tränen, die hinauswollen. Sie befreien mich ein wenig, lassen mich tiefer atmen, noch schneller laufen, geben mir ein Gefühl, etwas von alledem hinter mich zu bringen. Traurig bin ich, aber ich weine nicht. Es will nur alles hinaus, das im Haus nicht weg kann. Dort auf dem Weg bleibt es dann hinter mir. Kilometerlang. Wenn ich einen guten Tag und einen guten Lauf habe, dann ist mir leichter danach. Ich setze mich danach wieder an den Tisch und arbeite oder esse. Wie gut, dass ich das tun kann. Der Lauf, wieder Platz zu nehmen danach. Hätte ich das nicht, würde ich mich am Ende einer dieser langen Tag einkrümmen und ganz in meinen Gedanken versinken. Von dort käme ich irgendwann nie wieder zurück.

Einsam, nicht krank

Sie sagen, dass wir uns zurückziehen sollen. Und das macht Sinn. Es ist nicht leicht, aber es gibt ein Einsehen. Und es ist schleichend anstrengend. Aber nicht, weil ich mit der Familie zusammen einsam bin. Denn womit wir eigentlich umgehen, ist nicht einsam sein zu wollen. Wir benehmen uns so, als wären wir auch, schon, immer noch krank und müssten uns deshalb zurückziehen. Es ist eine angenommene Krankheit, damit wir uns so verhalten wie es Kranke tun. Wir bleiben im Haus und meiden den Kontakt mit anderen. Innerlich sagen wir uns vielleicht: Ich bin gesund, ich werde die Zeit der Zurückgezogenheit auch geniessen. Ich werde das Beste daraus machen. Aber ein grauer Faden spinnt sich in unsere Gedanken. Wir sind doch auch krank, oder? Das ist es, was müde macht. Nicht die abgeschlossene Tür und die fehlende Ansprache da draussen, wo wir früher, noch vor einer Woche, hin konnten. Wir wissen nicht, wann diese Krankheit aufhören soll. Dann wenn wir sie wirklich bekommen und dann überwinden. Oder dann, wenn wir alle zusammen, irgendwann, wieder als gesund erklärt werden. Ich will ein Fest veranstalten. Das dann an diesem Tag stattfindet. Dann, wenn wir alle wieder vor die Häuser gehen, uns ohne Scheu in die Arme fallen dürfen und sagen: es ist gut jetzt und ich war immer gesund. Ja, darauf setze ich meine Hoffnung, und darauf will ich dann anstossen. Aber jetzt bleibe ich ruhig auf einem Stuhl sitzen und atme aus. Mehr nicht.

Auf mich zu

Es sind nicht die 1.000 oder 2.000 oder 3.000 oder mehr Kranken, die jeden Tag aus China gemeldet werden. Auch nicht die statistische Einsicht, dass 5% davon die Infektion nicht überleben werden und dass es sich damit um eine nur halb so gefährliche Krankheit wie SARS handelt. Das ist Zahlenkleisterei aus Tagesmedien. Es sind die Bilder davon wie es sein könnte, dass die Krankheit sich wirklich ausbreitet, dass sie weit über das hinaus sich verbreitet, was man sich heute in einem anderen Land vorstellt. Es sind nicht die Verdachtsfälle, die tatsächlich im Krankenhaus neben unserer Wohnung untersucht werden und unter Quarantäne stehen. Es sind die Bilder von einer eigenen kranken und vielleicht sterbenden Familie, die sich mir jetzt Nacht für Nacht einbrennen. Natürlich wird nichts passieren sage ich mir, aber es kommt auf mich zu, ob ich es will oder nicht. Es gibt keine Bilder von einem Morgen, an dem die Krankheit einfach verschwunden ist und die Vögel in die Sonne zwitschern. Es gibt diese Richtung nicht. Das ist es, was mir mehr und mehr die Kehle zuschnürt. Dass eine Krankheit auf mich und meine Familie zuwandert. Egal wie lange sie dazu braucht und wie stark sie dann sein mag. Es ist, dass ich nichts dagegen tun kann und meiner Familie nicht weiss zu helfen, sollte es dann wirklich passieren. All das gibt mir eine Idee vom Tod, der täglich näher kommt, den ich aber wie alle gut weg tun kann. Infektionszahlen sind hier greifbarer als Entfernungen eines Ablebens, das ich nicht in Tagen, nicht in Kilometern zählen kann. Dabei geht es nie um mich. Es geht um meine Familie. Das ist es, was mir Sorgen macht.

Bis ich irgendwann auch sterbe.

 

Der Ball, das Kind

Ich hatte in einem Krankenhaus zu tun, zu besuchen, zu warten. Und neben mir in der Halle kniete ein Vater liebevoll mit seinem vielleicht zweijährigen Sohn hin und versprach ihm, dass er ihm einen „Ball“ aus der Maschine lassen würde, die vor ihnen stand. Was sich als eine dieser Kugeln herausstellte, die Plastikkrimskrams in einer halbdurchsichtigen Plastikverpackung beinhalten. Der Sohn nahm das Ding stolz in die Hand, hob es über sein Köpfchen und liess es auf den Boden hüpfen wie er es von einem Ball kannte.

Aber die Kugel gab nur ein müdes Ploppen von sich und sprang nicht einen Zentimeter wieder höher aus vom Boden weg. Man sah in dem kleinen Gesicht eine Mischung aus Verwunderung und Verärgerung. Darüber das der Ball nicht hüpfte. Darüber dass hier etwas nicht stimmte.

Es mag an diesem Tag gewesen sein, dass sich in dem kleinen Hirn entweder festsetzte, dass die vom Vater geschenkten Bälle vielleicht nicht vom Boden wegkamen und es nicht wert waren. Oder dass Bälle in seiner Heimat am Boden verhaften bleiben und dass er entweder aufgeben und fest verankert da bleiben sollte wo er aufwuchs oder sich in Schwung bringen und in eine andere Welt gehen sollte um Dynamik zu erleben.

Oder er vergass es einfach, es war ja nur ein Ball von vielen.

Feueralarm

Ich arbeite in einem Unternehmen, das sich auch um Feuermelder kümmert.

Vorgestern schellte um 17:05 Uhr der Feueralarm im gesamten Haus. Nichts und niemand regte sich, das Gellen des Alarms war schier nicht auszuhalten. Als nach wenigen Minuten immer noch kein Ende des Lärms abzusehen war, begannen die ersten Witze zu reissen. Dass das jetzt doch wohl kein ernster Alarm sein könne. Und dann arbeiteten die meisten ostentativ weiter. Nur langsam fingen die ersten – immer noch im vollen Lärm des Alarms – an, locker nach draussen zu den Aufzügen zu schlendern, sich zu wundern, warum die abgestellt schienen. Ärgerlich nahmen immer mehr die Stufen fünf Stockwerke hinunter bis zum Foyer. Mehr wie ein Betriebsausflug schien das alles, mit Witzen darüber, dass man endlich einmal das eigene Produkt hören könne.

Im Foyer unten herrschte gute Laune, vielleicht die Hälfte der Mitarbeiter blieb an den Plätzen, auch dann noch, als nach weiteren zehn Minuten die Feueralarm Beauftragten die Stockwerke kontrollierten und alle hinaustrieben. Das habe ich ir sagen lassen, natürlich war ich unten den ersten, die sich exakt nach Vorschrift verhielten und sich auf dem Platz vor der Kantine versammelten. So steht es im Regularium.

Es soll, so sagt man heute, ein Stück Papier zwischen den Gebäuden im Abfalleimer Feuer gefangen haben. Der Rauch der Entzündung habe ins Foyer geweht und den Alarm ausgelöst. Wäre wirklich ein Brand an den Eingängen ausgebrochen, wären wir vielleicht alle nicht mehr aus dem Gebäude gekommen.

So stelle ich mir der Untergang der Welt vor. Er tritt eines Tages ein und kann nur so wirken, als hätte sich jemand einen üblen Scherz erlaubt. Unwillig nehmen wir alle die Gefahr nur halbherzig auf. Wir tun so lange, dass uns das alles nichts angehe, bis die Flammen den Untergangs schon an den Fenstern entlang hochschlagen. Erst dann begegben wir uns ins Treppenhaus und halten den Untergang immer noch für eine Übung oder eine gelungene Abwechslung des Arbeitzsalltags.

Dann stehen wir im Foyer und sehen die Welt explodieren.

Nichts kommt mehr

Wenn ich in einem Raum voller Menschen stehe und in deren Gesichter schaue, wenn ich dann euen Frage stelle und die Gleichen, die mich vorher noch gebannt anschauten, sich plötzlich schweigend abdrehen, dann ist das wie ein Schlag ins Gesicht. Aber es ist wie normal, wenn Emails, deren Austausch ansonsten in Stunden von sich ging, plötzlich keine Resonanz mehr auslösen. Es ist ganz leise im Kanal. Das irritiert mich wie ein jäh abreissendes Gespräch. Gibt es etwas, das ich falsch geschrieben habe? Oder hat mein Gegenüber plötzlich etwas Wichtigeres zu tun.? Glaubt er, da müsse man jetzt nicht darauf antworten oder man sollte es schon erst recht nicht?

Ich will Gespräche beenden, nicht abreissen lassen.

Schlüsselerlebnis

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Die Übergabe der Airbnb Wohnung in Bern macht mir wieder klar, warum ich so gerne in diesem Land lebe. Die Vermieterin Elisabeth ist ein wenig zurückhaltend, aber sehr freundlich. Und als ich ihr sage, dass ich auch die Woche darauf wieder übernachten werde, gibt sie mir den Schlüssel mit den Worten: behalten Sie den bis nächste Woche einfach.

Ich bin verblüfft. Jemand drückt mir ohne mich wirklich kennengelernt zu haben oder mich zu kennen den Zugang zu ihrer privaten Wohnung in die Hand. Vertrauen, das mich ehrt. So habe ich jetzt eine Woche das Gefühl die schönste aller denkbaren Stadtwohnungen so an meinem Schlüsselbund zu haben, wie ich das mit dem Zugang zu meiner Wohnung in Zürich oder meinem Haus im Allgäu habe. Das tut gut und ist schön.

Ja, in diesem Land bleiben auch die Blumen eines Supermarktes über Nacht draussen, ohne dass sie jemand entwendet, man kann Christbäume am Paradeplatz mit grossen Kugeln aufstellen, ohne dass sie jemand zerbricht. Soviel Vertrauen aufeinander ist wie ein Klang aus einer anderen Zeit. Und dieser Klang ist schön. Ich trage den Schlüssel mit der Schildkröte jetzt wie einen unglaublich wertvollen Schatz bei mir. Schon alleine weil ich mich frage, ob es Schlüssel überhaupt bräuchte.

Durchbrechen

Ich schaue meiner Mutter zu, wie sie langsam ihr Denken zerkrümeln sieht. Seit zwei Jahrzehnten, anfangs schleichend, jetzt geraten wir bei jedem Telefonat in ein Labyrinth aus Merkwürdigkeiten. Die gehen einfach los. Sie erzählt mir von meinem Neffen, der auch arbeitslos geworden ist. Und ich stutze und falle ihr ins Wort, dass sie mich damit meine. Und dann lächelt sie verlegen, ich kann das hören, und sie meint „jaja“. Und ich frage sie, ob sie versteht, dass ich der Arbeitslose bin, nicht er. Und das bejaht sie. Es ist als wäre sie im Gang durch den Dachstuhl ihres Denkens mit einem Bein eingebrochen und für kurze Zeit mit dem Fuss frei im Kirchenschiff schwingend schnell noch einmal zurück geholt worden. Oder sie will von mir wissen, ob ich eigentlich meine Nichte kenne. Auch wenn ich ihr jetzt erkläre dass ich sie als kleines Mädchen gehütet und seitdem sehr nahe bei mir gespührt habe, wird sie das nicht lange wissen. Sie wird mich wieder fragen.

Wenigstens erkennt sie mich tadellos am Telefon, damit können wir noch arbeiten.

Der Alltag in ihrem Haus, das eigentlich meines ist und in dem sie wohnt, läuft immer noch unberührt davon. Es gibt wenig, das hier eigenartig wäre. Neulich wurde sie aus Versehen in einem Haus neben der Kirche eingesperrt, weil sie dort ein Klo gesucht hat. Aber das war nicht ihre Schuld, das hätte auch mir passieren können. Sonst stehen die Möbel alle an der richtigen Seite, wenn ich sie besuche. Die Töpfe auf dem Ofen haben wie immer die richtige Suppe darin, es sieht alles sauber aus. Und wenn ich in den Garten sehe, kann ich schon die Pfanzen für das nächste Frühjahr erkennen. So könnte es immer weiter gehen.

Aber sie kann mir immer weniger Vornamen von denen sagen, die wir kennen. Am Telefon. Sie blendet aus, und ihr Denken verdunstet langsam in immer die gleichen Gewohnheiten hinein. Das ist alles. Bald wird es weniger geben, das wir uns zu sagen haben. Die Themen vergehen und werden wie im Garten zu Laub, unsere Erzählungen sehen wie leere Töpfe aus, und dann wird sie irgendwann schweigen. Nicht weil sie keine Wörter mehr hat, sondern weil die mir nichts Neues mehr sagen werden. Und für eine Erinnerung wird es dann zu spät sein.

Linien

Es ist Herbst, ich sollte meine Gedanken nicht so ernst nehmen. Das fehlende Licht, die wolkenverhangenen Nachmittage, die frühen Abende und kaum ausser Haus: es will keine Hoffnung in mir wachsen. Kein „jetzt ist es schön“.

Und trotzdem sehe ich doch, was mir gesagt wird. Wir bevölkern hier über, wachsen exponentiell, um uns herum sterben Insekten aus, das Artensterben nimmt zu. Und über allem schwebt ein Klima, das sich gegen uns wendet. Wenn ich all das in eine Linie bringe, kann ich nicht anders als zu vermuten, dass ich zusammen mit vielen noch in meinem Leben einen Tod aus Hunger und Entbehrung sterben werde. Wenn wir uns nicht alle vorher in die Luft jagen.

Sicher, es ist keine Jahreszeit für Optimismus. Aber es fällt mir zunehmend schwerer, die Linien aus alle diesen Nachrichten nicht zusammen zu ziehen  und auf einen Punkt zu verlängern, der nicht allzu weit entfernt liegt. Es läuft alles aufeinander zu. Und es hat natürlich auch mit mir zu tun. Es gibt kein Zuschauen.

Wenn ich mir alles das zusammen anschaue, dann frage ich mich, warum ich ruhig bleiben kann und in ein Vorne schaue, das nur mit dem Tod enden kann. Vielleicht weil das die einzige Perspektive ist, die wir alle haben. Wir sind dagegen gewappnet, schotten uns vor dem ständigen Tod ab, der mich in allen Fällen in weniger als drei Jahrzehnten wegraffen dürfte. All die Nachrichten sind eine Frage des Zeitpunkts. Nicht mehr. Ich warte also, bis sich die Linien überschneiden und atme dann aus.

Gesetzt: Wofür ich stehe

 

Gestern sass ich an meinem Holztisch in der Küche und bekam blöderweise diesen einen Satz nicht mehr aus meinem Kopf:

Wofür stehst Du?

Wie unpassend in solch einer Situation. Ein Wortwitz, der ausgerechnet jetzt aufglimmt. Es fühlt sich fast unangenehm an. So wie eine plötzliche Suada über die eigene Person, wenn man es sich gerade nach dem Aufziehen des Theatervorhangs im abdunkelnden Saal gemütlich gemacht hatte. Und es ist kaum zu beantworten, ohne sich selbst, nicht einen Bildschirm dabei anzuschauen. Die eigene Nackheit vor einem klischeeartigen und trotzdem tiefen Satz zu ertragen. Darüber nicht lachen zu wollen, ihn noch einmal öffentlich zu beantworten. Das alles, und: letztendlich komme ich dann immer nur auf einen einzigen Satz.

Ich stehe für eine Gleichheit aller Menschen um mich.

So banal sich das anhört. So einfach es sich äussert, wenn ich Kinder im Gang zuerst grüsse und nicht darauf warte, dass mir zuerst ein schöner Tag gewünscht wird. Es ist simpel und faltet sich dann in allen Konsequenzen aus. Ich stehe für ein „alle sind gleich“ und versuche das zu leben. Es kann kein „Asylant“ in meine Argumentation schleichen, kein „weniger“ auch kein „mächtiger“, und ich habe keinen Vorbehalt gegen einen anderen Menschen.  Er oder sie ist gleich vor und mit mir, wir sind eines, auch wenn wir nicht einig und gleichförmig sind. Ich achte den anderen und versuche ihn nicht zu übervorteilen, keine Hochmut über sie oder ihn zu entwickeln. Nicht sage ich, dass es nicht trotzdem passiert, aber ich versuche es zumindest. Manchmal mit Erfolg.

So stehe ich da und sage nur das Wort „gleich“. Fühle mich stark und schwach damit, gleichermassen.

 

– – –

Und dann komme ich zwei Wochen später zurück, lese diesen Text und finde ihn unerträglich. Mir gegenüber. Wie kann man sich so herausstellen? Ist es nicht gleichwohl ein Zeichen von Hierarchiedenken und Arroganz anderen gegenüber, wenn man das Gleiche so betont? So wie ein Moralapostel nur das eigene Sündenregister überschreit? Bin ich nicht gerade deshalb anfällig für herablassenden oder kuschenden Umgang mit anderen, weil ich das Thema stark in meiner Mitte spüre?

 

– – –

 

Der Mann, der wartet

Auf der gepflasterten Dorfstrasse, schon ein wenig ausserhalb vom eigentlichen Kern, aber noch nicht ganz mitten durch das Grün der Skimatten hindurch führend, steht ein Bauer mit seinem Traktor und einem daran angehängten Güllefass. Ein grosses landwirtschaftliches Gerät, das mit enormer Motorenkraft sicher imstande ist, mehr als nur ein ganz Fass voller Viehurin durch das Dorf zu karren. Durchaus wendig und so gar nicht zum Fahrer passend, der reglos und mit einer undurchdringlichen Miene auf dem Bock des Traktors sitzt, mit angewinkelten Beinen hinter dem Lenkrad kauert. Wartet. Den Motor sicher auch schon seit einer halben Stunde und mehr abgestellt. Er fährt nicht weiter, denn vor ihm im Richtung des Dorfkerns hat ein kleinerer, roter Traktor halbseitig die Strasse blockiert, wie er da so trotzig parkt. Dieser: ohne einen Fahrer. Wie bei einem verlangsamten und bis zum Stillstand abgebremsten Duell stehen sich die beiden Traktoren gegenüber und rühren sich nicht. Der Fahrer des grossen, der tonnenweise Scheisse hinter sich geladen hat, atmet missmutig aus und rutscht fast unmerklich auf seinem Sitz hin und her. Dann ist wieder nichts wahrzunehmen und das Bild der beiden Fahrzeuge friert ein. Man kann derweil die Berggipfel ringsherum ein wenig kleiner und die wenigen noch verbliebenen Gletscherzungen schmelzen sehen, all das aber nur sehr langsam. Weiterhin nichts. Niemand will aus einem der noch spärlich am Dorfrand vorhandenen Häuser kommen und sich entschuldigend zum roten der beiden wenden, um dessen Motor anzulassen und dann so nah an den Rand zu fahren, dass der andere endlich mit seiner Ladung durchkommt. Oder um rückwärts bis zu einer Ausweichstelle zurückzustossen. Aber niemand kommt und greift ein. Nur die Hände des einen, der dort schon lange, sehr lange, auf den anderen wartet, sind trommelnd an den Fingerspitzen im Führerhäuschen zu sehen, wie sie ein wenig tastend eine Lenkbewegung nachahmen und dann doch wieder fast enttäuscht auf den Oberschenkeln des Manns Platz machen.

Viel später dann hupt es mehrmals.

Nichts geschieht. Der rote Traktor scheint immer noch niemandem zu gehören. Keiner kommt aus dem Haus, keiner kommt gerannt oder entschuldigt sich schon von weitem für die unbotmäßige Blockade genau an der Stelle der Strasse, die selbst ein hanebüchenes Seitenmanöver mit den wendigen Landmaschinen über steile Mattenstreifen nicht zulässt. Das Manngesicht im blauen Fahrzeug, das dort seit ewigen Zeiten schon geradeaus starrt, scheint sich nicht zu regen. Es verharrt auch weiterhin und hat beschlossen, mit seinem Gefährt zu verwachsen, in ein paar Jahren nicht mehr unterscheidbar von ihm zu sein. Wenn doch der andere Traktor in seiner Farbigkeit, in diesem gottverdammten Rot, nicht ständig einer Ohrfeige gleich auf den starren Blick des Mannes einschlagen würde. Da musste doch langsam eine Wut sein, oder eine Ungeduld. Die Frau zuhause. Das Essen, vielleicht auch ein Abendtermin. Nichts. Alles blieb in einer Ruhe stehen, die unendlich weitergehen konnte. Der Abend senkte sich langsam vom Tal herauf kommend über die Strasse. Und der Mann sass weiterhin da und wartete. Man sah nur, wie er den Motor anliess und das Licht einschaltete. Aber er wich nicht.

Männerläufe

Wir also schon den zweiten Tag nebeneinander auf dem Laufband im Fitness Raum eines Ferienclubs. Wie sich richtige Männer eben erholen. Sie schwitzen sich aus im Laufen. Eine Stunde oder auch eine halbe trotten sie vor sich hin. Wir also hatten festgestellt, dass wir vermutlich nicht eindeutig ein Alphatierchen ausmachen konnten. Nicht wie das ab und zu passiert: da kommt der eine Mann, muskelbepackt und dominant, in den Raum. Schon knickt der andere ein und buckelt ehrfürchtig im Lauf, bis der andere mit einem weitaus besseren Lauf wieder das Weite sucht. Hier nicht. Wir also langsam das Tempo des anderen abspitzelnd die Geschwindigkeit erhöht. Sehen, ob der andere mit kann. Von  müden 8.0 km/h auf 8.6 km/h und dann gleich weiter auf 10.3 km/h. Beide atmeten schwer, aber weiter. Bis 11.2 km/h, bereit noch mehr zu bieten. Da plötzlich riss der eine die Latte und knallte die Rechte auf der rechten Panikstopp Knopf. Das wäre ein klarer Sieg gewesen, wäre mir in diesem Augenblick nicht der Wireless Kopfhörer vom Kopf geflogen und hätte den Kontakt zum Gerät verloren, dass jetzt peinlicherweise „aaaatemloos“ von dieser Fischer röhrte.

Gut, unentschieden.

Aber heute, an diesem Tag, an dem man die Revanche hinbekommen musste, schien es bei uns beiden nicht zu wollen. Wir hatten die beiden äusseren Bänder besetzt. Er schien schon länger da und verausgabte seinen Körper mit letztzer Anstrengung bei 8.0 km/h, ich aber auch, denn als ich auf das Laufband ging, hatte ich eine Stunde Squash hinter mir und war medizinisch gesehen eigentlich tot. So liefen wir also stumm nebeneinander her.

Bis die Türe aufging, dieser vielleich zehnjährige Bursche hereingehoppelt kam und ohne auch nur das Anzeichen einer Schweissperle auf der Stirn gleich bei 12.6 km/h einstieg. Das war es dann. Während er eine Melodie vor sich hin pfiff und vor sich hin tapste ohne auch nur schnelleren Atem von sich zu geben, beendeten wir das Training. Der Kleine kennt sich bei sowas nicht aus, der kann sich höchstens verletzen, wenn er es mit uns Alten aufnimmt und das Laufband unsachgemäß behandelt. Ganz klar.

Zufall

Es gibt diese Zufälle. Sie sind merkwürdig, sie sind vielleicht nicht einmal zufällig, man möchte es sich einreden. Aber es kommen wohl eher einfach nur eher unwahrscheinliche Dinge zusammen. So muss es sein.

Wir standen an den Gräbern der Familie, die eine Reihe nur die verstorbenen Onkel und Tanten, die Grosseltern und nur kurz lebenden Kinder enthalten. Wir schwiegen, sinnierten, da ging das Handy des einen Cousins. Dass eben der Onkel gestorben, damit nur noch einer der ursprünglich neun am Leben sei.

Selten stehen wir zusammen am Friedhof. Ich kann mich nur an drei solche Begegnungen erinnern. Wir leben nicht in einer Gemeinde, man findet uns in drei Ländern verstreut. Einmal in vielleicht zwei oder drei Jahren sehen wir uns. Und genau jetzt stehen wir zusammen und schauen uns fassungslos an.

Ob er genau auf diese Stunde gewartet hat? Es muss Zufall sein. Sonst gäbe unser Leben so nicht seinen Sinn. Es darf nur Zufall geben.

Wir gingen schweigend den Weg hinunter an der Kirche vorbei. Einer fragte, ob man schon etwas wegen der Beerdigung wissen könne.

Lehrstunde „Umdrehen“

Ich hatte mich also verstiegen. Zehn Minuten zuvor keine Markierungen mehr am Wegrand, dann überwuchern Moos und Gras die Tritte. Ich bin weitergelaufen, in die Klamm hinein, das Gelände wurde steiler. Schliesslich hing ich an zwei Wurzeln festgekrallt in einer abgestuften Wand. Fünfzig Meter unter mir der Klammbach. Über mir noch kein Ende abzusehen. Es war eine Lehrstunde darüber, dass man den richtigen Zeitpunkt umzudrehen verpasst.

Nicht dass es mir unklar gewesen wäre. Schon fünf Minuten vorher hatte ich die Einsicht in einer Sackgasse gelandet zu sein, aber geglaubt habe ich es mir selbst nicht. Und damit  verpasste ich die Gelegenheit umzudrehen. Denn jetzt war das Gelände so steil, dass es mir besser schien, nach oben hinauszusteigen und einen Absturz zu riskieren als bei einem unbeholfenen Abstieg umso leichter abzurutschen und zu fallen.

Zuerst eine Lachen in mir. Dass mir das an der gleichen Stelle wieder passiert. Ich hätte doch die andere Weggabel nehmen sollen, wie vor einem Jahr. Als ich zumindest nur durch einen Wald klettern musste, um wieder einen Weg zu finden. Dann die Panik, was wäre wenn es passierte. Der Sturz, der Bruch der Knochen, der Notruf, den keinen hören würde.

Dann die Einsicht, dass ich das schon schaffen würde. Dass es nur darum ginge, fünf oder sechs Höhenmeter seitlich links hinauszusteigen, um den Überhang zu umgehen und aus der Wand zu kommen. Das beginnende Zittern der Waden, wenn der Stand zu knapp wurde, das fiebrige Suchen der richtigen Äste, die nicht zu morsch für einen Halt heraushingen. Zuweilen brach einer der Zweige. Rechtzeitig, schon bei einer Vorbelastung. Ich lernte schnell, fand plötzlich GEfallen and er Kletterei.

Tatsächlich konnte ich bald wieder eine Lichtung über mir in den Baumkronen sehen. Und wäre beinahe doch abgestürzt, weil es plötzlich ganz leicht schien, die letzten drei Meter noch hinüber zu springen. War es aber nicht.

Ich lernte an diesem Morgen, dass ein Umkehren im Leben immer zu spät als Option erscheint und man lieber weiter hineinsteigt in seine Fehler. Daran lernt man, sagt man. Das tut man, wenn man kurz vor deren Ende nicht zu nachlässig wird.

Als ich wieder auf den Weg über der Klamm kam, vergass ich schnell. Die Sonne schien.

Hauptsache Berliner

ZDF History, irgendwann nachts, eine Dokumentation über Egon Krenz. Ich denke mir noch, jetzt zeigen sie sicher gleich das Haus, das er sich nach der Wende noch schnappen wollte und das aber heute einem Freund von mir gehört. Tatsächlich: Vorderansicht der Fassade, dann ein TV Interview im Wohnzimmer. Ob es hier für Krenz nach Wandlitz nicht ein wenig beengt sei. Darauf er, er sage mal so: Hauptsache Berliner.

Der Bungalow, der ehemalige Sitz des DDR Aussenministers, besitzt eingeschossig mehrere Hundert Quadratmeter Wohnfläche und eine Garage für für drei Volvos. Mein Freund riss die damals neu für Krenz eingezogenen Mauern wieder heraus und liess auch die Toilette in der Form einer Venusmuschel ersetzen. Wegen der umfangreichen Grundfläche zieht man sich im Winter in eine geringere Zahl an Zimmern zurück. Das gesamte Haus wäre so nicht heizbar.

Manchmal passiert es meinem Freund noch, dass er vor dem Haus steht, ein Besucherbus vorbeikommt und ehemalige DDR Bürger ihn für den Sohn von Egon Krenz halten. Sie versichern ihm dann, dass er das alles nicht so schlimm sehen müsse. Der Staat würde schon wiedererstehen. Dann lächelt er meistens in sich hinein. Hauptsache Berliner.

Brennender Schneemann

Es ist ein wichtiges Fest in Zürich. Ein Feiertag. Am Bellevue steht ein künstlicher Schneemann mit Hut auf einem Reisigberg und wird unter dem Jubel der Stadtbürger angezündet. Man stoppt die Zeit, bis die Flammen den Kopf erreichen und den dort versteckten Sprengstoff zünden. Je schneller das passiert und je höher der Hut dann mit einem Knall fliegt, desto besser soll das Jahr werden. Ein Wetter Orakel. Seit Jahrhunderten.

Sicher, alle sagen sich, dass das ein Unfug sein muss. Selbst die besten meteroloschen Computer des Landes können das Wetter nicht weiter als eine Woche voraus abschätzen. Und dann soll ein explodierender Schneemann den ganzen Sommer voraussagen. Sicher, das wissen alle.

Der Event wird im Fernsehen wie eine Sportreportage übertragen. Unten rechts läuft die Zeit mit.

Sicher wissen das alle, aber vereinzelte wollen es doch ein wenig glauben, das mit dem Hut und dem Sprengstoff und dem Sommer. Vielleicht sind es auch mehrere. Weil es so schön wäre. Weil Fake News mit einem Schusss Alltagsmagie so wunderbar hineinpassen ins eigene Leben. Deshalb schiebt man alles, was man über Fakten weiss, beiseite und hält sich an den einen magischen Satz, der alles erklären soll. Nach einer Umfrage unter Milleniums in den USA glaubt ein Drittel daran, dass die Erde eine Scheibe ist. Noch nie ist einer von ihnen immer noch ins iPhone Display starrend vom Rand gefallen. Jeder kennt die Fotos aus Satelliten. Aber nur zwei Drittel scheinen sie zu akzeptieren als das, was sie sind. Eine Wiedergabe.

Es ist so einfach Abkürzungen zu glauben. Natürlich nicht öffentlich. Fast scheint es so wie bei schlechten Fernsehshows, die angeblich auch niemand schaut. UNd dann kann jeder die Kennungsmelodie mitpfeifen.

Anfang nächster Woche werden wieder Millionen Menschen in der Schweiz den Böög explodieren sehen und dann natürlich nicht an eine Wettervorhersage glauben. Man ist doch nicht aus dem Mittelalter. Aber wenn dann sein Hut hoch und weit fliegt, freut man sich insgeheim schon auf einen freundlichen Sommer.

Wasserfall

Zuerst dachte ich „ach, da steht wieder einer mit seinem Smartphone mitten im Wald herum“. Wie ich da so an ihn heranjogge und schon fast an ihm vorbei bin, begreife ich, dass er vor einem kleinen Wasserfall zwischen den Bäumen am Wegrand steht und einfach seine Arme ausbreitet.

Er hört zu, er ist blind, sein Taktierstock baumelt locker an der einen Hand, wie er fast einem Propheten gleich verharrt und zuzuhören beginnt. Er lächelt. Es muss überwältigend sein, was er da hört.

Das Wasser vor ihm sprudelt und gurgelt, es plätschert und murmelt, in tausend Stimmen und sicher unerhört vielgestaltig. Nur er kann das unterscheiden, mir fehlt es dazu an den trainierten Ohren. Ich renne neidisch an ihm vorbei, sehe nur einen Wald und einen Wasserlauf dazwischen. Er aber hört die ganze Welt und versinkt für lange Augenblicke darin.

Die ausgezogenen Frauen

In einem dieser Läden mit Café sassen wir. Dort, wo man sich neu einrichten und einkleiden kann, wenn man gelangweilt den Vormittag herumbringen muss. Und guten Espresso gibt es auch dazu. Wir sassen dort, um so etwas wie ein Business Meeting abzuhalten. Denn Arbeit ist ja kein Ort mehr, wir arbeiten alle überall. Bei Kaffee und mit aufgelapptem Laptop. Das ist chic und sehr modern.

Wie ich in einer unserer Diskussionen aufschaue, bemerke ich dass der Laden keine Umkleidekabinen hat. Denn hinter dem Rücken meines Teamkollegen, in der Ecke des Ladens, stehen drei Frauen in den endenden Vierzigern und zeigen sich so lange aufgeregt die neue Kollektion von den Ständern neben der Espressomaschine, bis eine von ihnen anfängt, sich ihrer Wäsche zu entledigen und zuerst Hosen, dann einen Rock, dann ein Oberteil zu probieren.

So versunken sind sie in ihren Fachsimpeleien und stehen schliesslich alle Drei in Unterwäsche mitten in der Verkaufsfläche, dass sie nicht einmal den verdutzt durch das Fenster glotzenden Rentern sehen, der sich über das Konzept von allzu deutlichen Schaufenstern wundert. Sie schnattern fast und befassen sich nur mit der Frage, ob der geblümte Rock die Figur der einen mehr betont als die der anderen. Alle drei Frauen legen Kleider ohne Unterlass an oder ab. Sie ziehen sich in einen Rausch hinein um. Es liegte ein merkwürdiges Nervenzittern im Raum. Das nächste wäre jetzt eine Orgie. Aber die würde uns doch alle überraschen, sie kommt vermutlich nur in meiner Fantasie vor. Die Frauen hingegen entdecken noch einen Ständer mit leichten Sommerkleidern und Badesachen.

Wir verlassen das Café und suchen uns einen anderen Laden. Wir sind nicht imstande, uns so stark in einen Rausch hineinziehen zu lassen. Nicht an einem Vormittag, nicht als unfreiwillige Zuschauer. Wir sind noch nicht so weit.

Tiefes Weinen

Ich höre ein stilles, tiefes Weinen in mir. Da, wo es tiefer hinein geht zu mir. Und es ist so tief drin und setzt sich dort weiter fest, dass ich es nicht hinaus begleiten kann. Still kauert es inmitten meiner Gedanken und will sich nicht rühren. Manchmal könnte ich darüber verzweifeln.

Aus der Vergangenheit

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Und dann schickt mir meine Schwester ein Bild aus unserer Kindheit, das ich nicht kannte. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil es nicht viele von uns gibt. Vielleicht 20 – 30 in den ersten zehn Lebenskahren. Selten eines, das so nah aufgenommen ist, meistens von zu weit weg und im Gegenlicht.

Plötzlich starrt mich meine Kindheit an. Ich kenne mich kaum wieder. Das muss einmal ich gewesen sein. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich mich unter zwei Dutzend Photos heraus erkannt hätte. Sicher nicht im flüchtigen Daraufschauen. Mein eigener Blick von damals aber saugt mich an und tunnelt mich zurück in eine Zeit, von der ich selbst auch nicht mehr viel weiss. Wie in einem Vorwurf schaue ich mich an und sage mir selbst: wie konntest Du Dich nur selbst so vergessen, sonst wird sich doch niemand an all das erinnern, wenn nicht Du. Ich nicke mit meinem Heute und sage, dass ich ja Recht habe. Es ist verschwunden und fremd geworden, es hat mit mir nichts mehr zu tun und ich kann nur noch mit einem Kopfschütteln zum Abschied die Hand reichen, über alles mutmassen.

Disney abgeschirmt

Übermüdet vom Jetlag stehe ich in Anaheim an den Eingangstoren von Disneyland. Nicht dass ich deshalb hierher gekommen wäre. Eine Veranstaltung meines Arbeitgebers fesselt mich eine Woche an das Congress Center gegenüber. Aber wenn man schon neben dem Schloss aufgewachsen ist, dass vielleicht Pate für den Zuckerguss stand, der hier als weltweit bekanntest Symbol des Vergnügungsparks zu finden ist, dann sollte man schon dort vorbeischauen. Dachte ich. 130 USD, nur um dort hineinzuschauen sind es mir nicht wert. Und ich bleibe irritiert vor den Ummauerungen des Parks stehen.

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Was innen dem Spass und der Freude dienen soll, sieht von aussen wie eine Gefängnisumfriedung aus. Stacheldraht macht es unmöglich, herein oder heraus zu gelangen. Disneyland scheint eine akribisch abgesicherte Insel zu sein, deren Insassen zum Vergnügen verdonnert scheinen. Mir kommt mein einziges Walt Disney Buch aus meiner Kindheit wieder in den Sinn. Dort verirrt sich Pinocchio in einen Jahrmarkt, der ihn und die anderen Jungen zu Eseln werden lässt. Fast so, als hätte Disney sich zu einem Moment der Selbsteinsicht als Zugeständnis treiben lassen, kann dieses Gelände hier nur ähnliche Erwartungen in mir hegen. Wenn ich mich hier auch nur eine Stunde in das Innere wage, komme ich – zu einem Nutztier verwandelt – nie wieder in die Aussenwelt zurück. Und weiter: der ganze Zaun steht, nicht nur weil sein Präsident einen solchen fordert, für ein Land, das unendlichen Spass verspricht, diesen aber nur noch denen zugänglich machen will, die bereits im Land sind.

Ich beschliesse mich von diesem Areal zu entfernen. Es fühlt sich schon von aussen nicht gut an.

2017 aus der Nähe

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Aus der Nähe betrachtet sind Jahre grässlich. Alle Tage darin verästeln das eigene Leben weiter und lassen es nicht mehr ineinander übergehen. Alles driftet auseinander, und am Ende erscheint mir der Tod in nichts anderem als einer grossen eigenen Entropie sichtbar zu werden. Man hat sich in alle Winkel hinein verausgabt und findet nicht mehr final zu Sicht, kann nur noch aus der Welt genommen werden. Ein Gnadentod, der vor der eigenen Zerstreuung rettet.

Thor mit Rosen

Das Hotel Restaurant hat Punkte und Sterne. Es ist ein Highlight in der kulinarischen Szene der Schweiz. Herein kam ein Bild von einem Mann, den wir vorher schon in der Sauna Anlage bewunderten. Jeder Zoll seines durchtrainierten Körpers ebenmässig, nur die verwaschenen Tätowierungen eines Tigers über dem flachen Bauch störten ein wenig. Sogar der Bart war ein Muster an Gleichmässigkeit und rundete das ruhige Gesicht ab. Fast konnte man neidisch werden. Wir sahen ihn – jetzt im Anzug – mit seiner unglaublich schönen Begleiterin auf einen Tisch des Raumes zulaufen, der mit zwei Rosen und einer Menge an Rosenblättern, einem Tischgedeck aus Blumen und Kerzenständern dekoriert war. Das konnte nur wunderschön werden. „Thor“, so nannte ihn meine doch leicht neidisch werdende Gattin mir gegenüber, nahm eher lustlos daran Platz ohne auf den Stuhl seiner Begleiterin zu achten. Er zog schon nach wenigen Augenblicken, in denen er gelangweilt an ihr vorbei zum Fenster sah, sein Smartphone unter dem Tisch zu sich und begann etwas zu tippen. Sie stutzte, beobachtete ihn und liess nicht von ihm ab, auch dann nicht, als er keinerlei Anstalten machte, sein Handy wenigstens für den Gruss aus der Küche beiseite zu legen. Fast ass er einarmig. So ging der Abend weiter. Sie löffelte ruhig in ihrer Vorspeise herum, er surfte über Soziale Medien hinweg durch den Abend und schlang die acht Gänge achtlos in sich hinein. Das konnte nur eine Inszenierung sein. Das musste uns das Hotel als Gruss aus der Theaterabteilung geschickt haben. Damit wir alle etwas zu staunen hatten. Oder aber die beiden wollten uns allen zeigen, dass sie so dekadent waren, ein teures Abendessen, einen romantischen Tisch vor einer perfekten Kulisse und erlesene Auswahl an Weinen einfach beiseite zu lassen und nebensächlich an sich abprallen zu lassen wie einen Besuch bei einer Wurstbude.

Oder doch nicht. Ihr Löffeln wurde immer stiller, er hob seinen Kopf kaum noch und starrte nur noch in sein Display. Wir standen nach unseren Gängen auf und wollten das nicht weiter sehen, wechselten in die Bar. Das halblaute „kein Sex heute für Thor“ meiner Gattin war noch das Geringste, das uns dazu einfiel. Sie, am Tisch da drüben, alleine gelassen mit sich und ihm, tat mir leid. Trauriger schien mir nur noch, alleine im Regen auf jemanden zu warten, der nie vor hatte wenigstens vorbeizuschauen. Das verdarb mir die Laune. Dabei ging es mich nicht einmal etwas an.